Von einem gelungenen Winterur- laub hat jeder eine andere Vorstellung. Mit der Idee von geräumten Wanderwegen, kompetenten Wanderführern, kulinarischen und kulturellen Entdeckungen, einer Auszeit von Hektik und Rambazamba, dazu noch eine gepflegte großzügige Therme, ist man nicht allein, und in Reutte am Ziel seiner Wünsche. Das hat nicht nur etwas mit dem Alter zu tun, sondern auch mit der Reizüberflutung, die einen vor lauter Wald keine Bäume mehr sehen lässt. Schon im neuen Logo zeigt Reutte, dass es einzelne Elemente, Highlights, Wegmarken der Region eingleist, aus- richtet und ein unvergessliches Erlebnis vermittelt. Wie heißt es so schön? Wir haben das mal ausprobiert!

Wir graben in Erinnerungen. Was ist geblieben, wovon erzählen wir? Das Überraschende bleibt, das Verblüffende, wenn unsereins nach vielen Jahren draußen noch die Spucke wegbleibt wie bei Walter Stolls Schilderung der Gamsspuren bei der Nachtwanderung zur Dürrenbergalm. Der passionierte Jäger und Wanderführer erklärt uns den Wildbestand der Naturparkregion Reutte, wo das Rotwild steht und was das Gamswild gerade macht, das nur wenige Meter vor uns den Hang quert. Zwischendurch folgen Paradebeispiele der Jägersprache, wir lernen von Trittsiegeln, dem Schrank des Gamswilds, Schalen und Geäfter des Rotwilds und was man alles daraus lesen kann. Unauffällig hat Walter unsere Gruppe taxiert und sich einem weniger geländegängigen Gast genähert. Ein Schritt vorwärts, zwei zurück. Mit den Grödeln aus Großvaters Mottenkiste kein Wunder. Walter sorgt schnell für Abhilfe, und der Wandergenuss ist wieder gerecht verteilt auf alle.

Inzwischen liegt unter uns das Lichtermeer von Reutte, und die Leuchtfinger der Stirnlampen irrlichtern Walters Spur hinterher,
bis wir vor der Dürrenbergalm stehen und das nächtliche Panorama genießen. Die Spinatknödel mit Salat sind eine Wucht, was uns nicht abhalten kann von einem Kaiserschmarrn in Benchmark-Qualität. Wir haben das Gefühl, dass diese Nachtwanderung ein unvergessliches Erlebnis ist, begleitet von besonderen Details, die es erst ermöglichen: der umfassend geschulte, unterhaltsame Wanderführer, seine einfachen Tipps, wie man auf dem vereisten Forstweg sicher geht, wie man Trittsicherheit im verschneiten Gelände gewinnt, die Ausschilderung der Winterwanderung, die kulinarische Qualität der Hütten, geräumte Parkplätze und eine spannende Infrastruktur, wenn mal die Läufe, pardon, Beine müde sind.

Bestens vertraut mit den unverzichtbaren Details einer gelungenen Winterwanderung ist Jörg Brejcha, Leiter des Bergführerbüros von Reutte und Ausbildungsleiter bei der Bergrettung Tirol. „Glätte und Kälte erfordern Sorgfalt bei der Ausrüstung. Teleskopstöcke sind für besseren Halt wichtiger als im Sommer, Schuhketten wie die Modelle von Snowline haben die umständlichen Grödel abgelöst, warme Kleidung und festes, wasserdichtes Schuhwerk sind wichtig“, sagt Brejcha. „Der von uns ausgebildete Tiroler Bergwanderführer muss seine Gäste, die äußeren Bedingungen, Tempo und Tour genau planen, die Lawinengefahr einschätzen. Im Winter kann man sich selten im Freien zu einer ausgiebigen Rast niederlassen. Da braucht es viele geöffnete Hütten wie bei uns. In der Naturparkregion Reutte
profitieren wir von der recht schneesicheren zentralen Lage in einem Talkessel, mit kur- zen Anfahrtswegen zu sanften und an- spruchsvollen Touren. Wir können bekanntermaßen nicht mit Pistenkilometern wuchern. Stattdessen haben wir uns auf vorhandene Stärken besonnen und bieten eine Vielzahl von winterlichen Eindrücken, die einen Landschaft, Natur und sich selbst neu erleben lassen“, betont Brejcha.

Einen Superlativ hat Brejcha dabei bescheiden ausgeklammert. Kein Weg führt vorbei an der legendären „highline179“, der tal- überspannenden Hängebrücke mit grandiosem Blick auf die Ruine Ehrenberg. Mit 406 Metern Spannweite ist sie eine der längsten der Welt und führt den Besucher samt seiner Flugzeuge im Bauch 114 Meter über der Bundesstraße 179 von der Ruine Ehrenberg zum Fort Claudia – und zurück. Das Stichwort führt weit in die Vergangenheit, 2000 Jahre zurück, als die Römer auf der Via Claudia Augusta durch die Region von Reutte kamen. Später hinterließ der Salzhandel hier seine Spuren. Eine Besichtigung der Burgenwelt mit Einkehr im Salzstadl runden unseren Ausflug ab. Für Regeneration sorgt die Alpentherme Ehrenberg mit über 6000 Quadratmetern Wellnessfläche.

Wir legen einen Ruhetag ein und behaupten in aller Bescheidenheit: Hubert von Goisern ist ein Genie, aber eine steirische Ziehhar- monika zu spielen ist keine Hexerei. Nach einem zweistündigen Einsteigerkurs in der Firma Michlbauer haben wir noch keine Konzertreife, aber es hört sich bereits nach Musik an, was wir den bis zu 6000 Euro teuren wunderschönen Instrumenten entlocken. Reutte hat im näheren Einzugsgebiet einige Betriebe von internationalem Rang, u. a. die Brillenmanufaktur Rolf, die Gestelle aus Holz fertigt. Kenn ich schon, werden viele sagen. Oft sind es nur billige Imitate, hier gibt es das edle Original. Wir naschen vom Honig des Imkers Mario Kuisle und verfolgen die Entstehung handgemachter Bäckersemmeln vor dem Backofen von Manfred Holzmayr, dessen Teige nach alten Rezepten aus Biomehl geknetet werden und keine Zusatzstoffe für die Maschinengängigkeit enthalten. Wer einen Bäcker mit Liebe und Leidenschaft für sein Handwerk kennenlernen will, hier ist er richtig.

Am nächsten Tag krönen wir die Winterwanderung auf die Vilser Alm mit hausgemachten Kässpatzn und genießen nach der Fackelwanderung zur Frauenseestube einen Exkurs mit Daniela Pfefferkorn ins Reich der Kräutertees. Ebenso spannend wie un- terhaltsam begleitet uns Walter Stolls Jägerlatein über das Liebesleben von Leithirschen und deren Nebenbuhlern ins Tal. Verrückte Bilder im Kopf, Gaumenfreuden, müde Knochen und starke Erlebnisse – mehr Winterurlaub geht nicht. Halt, Pistenkilometer gibt es auch rund um Reutte, aber das wäre eine andere Geschichte.

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Tourismusverband Naturparkregion Reutte
Untermarkt 34, A-6600 Reutte ,Österreich
Tel. 0043/5672 62336
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