Zwischen Kalksteinwüste und Flussparadies: Gerhard und Isabella entdecken die Gorges du Tarn in Südfrankreich auf einer viertägigen Tour mit Gravelbike, Zelt und Packraft.

Fotos: Daniel Geiger, Text: Gerhard Czerner

Die Region um die Gorges du Tarn ist ein Land der atemberaubenden Kontraste, in dem sich der Tarn über 50 Kilometer bis zu 500 Meter tief in die Karstebenen der Causses hineingegraben hat. Das Wasser hat eine besondere Wirkung auf den Kalkstein: Es höhlt ihn regelrecht aus und zerschneidet das Hochplateau in einzelne, abgeschottete Blöcke. Um diese vollkommen unterschiedlichen Welten – die knochentrockenen Plateaus und die wasserreichen Täler – hautnah zu erleben, haben wir uns für eine Kombination aus Gravelbike und Packraft entschieden.

Ein Mann und eine Frau studieren eine große Faltkarte, die auf ihren Knien ausgebreitet ist.
Gerhard und Isabella studieren die Karte

Aufbruch in die Vertikale

Unsere Reise beginnt frühmorgens in Le Rozier, wo sich Tarn und Jonte zu einem Fluss vereinen. Um dem Ausflugsverkehr zu entgehen, strampeln Isabella und ich mit bepackten Gravelbikes in die Schlucht der Jonte. Begleitet von lauten Zirpen der Grillen fahren wir zwischen vertikal aufragenden Felswänden bergan. Hoch über uns entdecken wir kleine schwarze Punkte: Geier. Die majestätischen Greifvögel wurden hier erfolgreich wieder angesiedelt. Ein lohnender Stopp ist das Museum „La Maison des Vautours“, wo Live-Kameras die Nistplätze der Geier zeigen und man die Vögel von der Dachterrasse aus beobachten kann.

Gegen Mittag erreichen wir den kleinen Weiler Saint-Pierre-des-Tripiers auf über 900 Metern. Die meisten Höhenmeter für heute haben wir geschafft, stelle ich fest, während die Hitze des Tages spürbar zunimmt.

Zwei bepackte Fahrräder parken an einer steinernen Hauswand mit grünen ranken
Pause für Zweibeiner und Zweiräder

Unsere Gravelbikes sind mit allem ausgestattet, was wir brauchen: Das Packraft liegt mit den Steckpaddeln auf dem Gepäckträger, und die Camping- und Wildwasserausrüstung ist in Packtaschen verstaut. Es ist erstaunlich, dass man alles, was man für zwei Sportarten braucht, auf ein einziges Fahrrad packen kann.

Einsamkeit auf dem Causse Méjean

Der Causse Méjean ist ein ganz besonderes Fleckchen Erde. Die Hochebene ist so dünn besiedelt, dass man dort nur auf einen Einwohnenden pro Quadratkilometer trifft. Hier oben sind die Bedingungen schon rau: Das Bergklima und der durchlässige Boden können die Sommerdürre leider verschärfen. Die Landschaft wirkt einsam und weit.

Zwei Radfahrende in einer goldgelben, hügeligen Hochebene mit markanten Felsen im Vordergrund
Das malerische "Chaos de Nîmes-le-Vieux"

Wir fahren durch goldgelbe Getreidefelder, die von roten Mohnblumen verziert werden. Die Strecke führt uns an der Aven Armand vorbei, einer riesigen Tropfsteinhöhle, die ein französischer Forscher als „Traum aus Tausendundeiner Nacht“ bezeichnete. In ihrem Inneren birgt sie einen Wald aus über 400 Stalagmiten, sogar den mit 30 Metern höchsten heute bekannten Stalagmiten der Welt.

Steinerne Welten und Schafherden

Da Holz als Baumaterial auf dem entwaldeten Hochland fehlt, wird Stein als vorherrschender Rohstoff verwendet. Selbst die Dächer der typischen Kalksteinarchitektur sind mit schweren Steinplatten gedeckt. Im warmen Licht des Abends erreichen wir das malerische "Chaos de Nîmes-le-Vieux". Die zerklüfteten Felsformationen sind beeindruckend und wirken wie versteinerte Dinosaurier.

In Le Veygalier, wo seit fünf Generationen Schafe gezüchtet werden, finden wir unser Nachtlager. Das gemütliche Wirtshaus bietet hausgemachte Kastanienpastete und Schafskäse an. Wer hier speist, darf auf dem Grundstück campen (La Ferme du Veygalier). Wir schlafen direkt neben blökenden Schafen ein, voller Vorfreude auf den morgigen Wechsel des Elements.

Eine Frau und ein Mann am Flussufer mit Packrafts und Fahrrädern
Absatteln und umpacken am Fluss Tarn

Perspektivwechsel: Abfahrt zum Tarn

Am nächsten Morgen werden wir von kühler Luft und Vogelgezwitscher geweckt. Während wir zum Rand des Canyons fahren, steigt die Spannung: Wird das mit dem Boot funktionieren? Plötzlich öffnet sich der Blick in die Tiefe: Die schmale Passstraße führt in engen Kehren 500 Höhenmeter hinunter zum kristallklaren Wasser des Tarn.

Nach einer Nacht auf auf dem Campingplatz Les Osiers bereiten wir die Boote für die nächste Etappe vor. Die Bikes werden vorn auf die Spitze der Packrafts geladen und festgezurrt. Die wasserdichten Biketaschen verschwinden im Boot. Wir haben keinen festen Zeitplan, sondern wollen ganz entspannt flussabwärts gleiten.

Luftaufnahme eines Flusses zwischen sattgrüne, bergigen Landschaft und steilen Felsen, am sandigen Ufer zwei Paddler mit ihren Booten
Morgenstimmung in den Gorges du Tarn

Im Rhythmus des Wassers

Leise gleiten wir dahin, unterstützt von einer gemäßigten Strömung. Die Kalksteinwände ragen steil auf, während wir unter niedrigen Betonbrücken hindurchpaddeln und den Felsenkessel von Castelbouc mit seiner thronenden Burgruine erreichen. In Sainte-Enimie, einem der schönsten Dörfer Frankreichs, legen wir für einen Café au lait an. Der Ort ist geprägt von mittelalterlichen Pflastergassen und der Legende der Merowingerprinzessin Enimie, die ihr Leben Christus widmete, zahlreiche Wunder vollbrachte, ein Kloster gründete und als Einsiedlerin in der Nähe der heilenden Quelle Burle lebte, wo sie schließlich verstarb.

Den Abend verbringen wir gemeinsam am Lagerfeuer direkt am Fluss. Ein wunderbarer zweiter Tag geht beim leisen Plätschern des Wassers zu Ende.

Mächtige Felswände ragen steil direkt neben dem Flussufer auf
Mächtige Felswände ragen bis zu 500 m empor

Finale in den Schluchten

Der zweite Paddeltag führt uns durch den spektakulärsten Teil des mittleren Tarn. Bei Saint-Chély stürzt ein Wasserfall über moosgrüne Kaskaden in den Fluss, die Häuser kleben direkt am Fels. Die Engstelle „Les Détroits“ hat lotrechte, teils überhängende Wände.

Am „Pas de Soucy“, einer durch einen Felssturz unpassierbaren Stelle, müssen wir die Boote umtragen. Dahinter beginnt der wildwassertechnisch interessanteste Abschnitt, gespickt mit Felsblöcken im Wasser. Mittlerweile sind wir eins mit unseren Packrafts und meistern die kleinen Herausforderungen mit Freude.

Der markante Torbogen einer alten Steinbrücke markiert schließlich das Ende unserer Tour. Nach 40 Kilometern auf dem Wasser steigen wir auf einer Kiesbank bei Le Rozier aus. Wir haben den Kreis geschlossen: Aus der trockenen Höhe der Causses zurück in die Tiefe der Schlucht, getragen von zwei Rädern und ein bisschen Luft unter dem Kiel.

Alles Wissenswerte zur Tour im Überblick

Region: Okzitanien in Südfrankreich, Departements Lozère und Aveyron

Start/Ziel: Le Rozier

Distanz: 75 km biken (1.550 hm), 40 km paddeln

Luftaufnahme von zwei Personen inmitten ihrer ausgebreiteten Ausrüstungsgegenstände auf dem sandigen Flussufer
Gerhard und Isabella haben auf ihren
Gravelbikes und Packrafts alles dabei

Schluchten des Tarn: insgesamt 54 km lang (Le Rozier bis Ispagnac) ideal für Anfänger:innen und erfahrene Kajakfahrer:innen, die eine atemberaubende Naturkulisse genießen möchten

Landschaft: spektakuläre Kalksteinfelsen, bis zu 500 Meter hohe Wände, wilde Natur, Höhlen, Strände

Schwierigkeitsgrad: Leicht bis mittel (WW I–III), abhängig vom Wasserstand

Beste Jahreszeit: April bis Oktober, besonders empfehlenswert im Frühling für höhere Wasserstände

Aktuelle Pegelstände: www.pegelalarm.at

Sehenswürdigkeiten:
- „Les Détroits“, die engsten Passagen der Schlucht
- Mittelalterliche Dörfer z. B. Sainte-Enimie, La Malène
- Tropfsteinhöhle Aven Amand
- Museum für Geier: www.maisondesvautours.fr

Weitere Infos z. B. Kajakverleihe und Shuttle-Dienste, Campingplätze und Unterkünfte entlang der Schlucht auf www.france-voyage.com