Text und Fotos: Jens Breuer

Die Begeisterung für die wilde Natur entlang des Grünen Bandes hat uns gepackt. Nachdem wir, Sophie und Jens, im letzten Jahr bereits mit Packraft und zu Fuß den nördlichen Teil des Grünen Bandes erkundet haben, geht es diesmal an den Anfang in der Nähe von Hof. Den viel zu schweren Wanderrucksack tauschen wir ein gegen unser geliebtes Fahrrad und erklimmen damit nicht nur die höchsten Gipfel von Thüringer Wald, Rhön und Harz, sondern packen sie in den Tälern auf unsere Packrafts und paddeln über die ehemaligen Grenzflüsse Saale und Werra. Vielleicht sogar eine Pionierleistung, aber vor allem ein außergewöhnliches Naturerlebnis vor der Haustür. 

Holpriger Start 

Vier Züge und drei Umstiege trennen uns nun noch vom Ziel – oder besser gesagt dem Start unserer Reise. In Hof angekommen sind wir erschöpft, aber um viele schöne Zuggespräche reicher. Denn die Paddel, die wir gut sichtbar auf den Gepäckträgern unserer Fahrräder befestigt haben, laden nicht nur an diesem Tag dazu ein, neugierige Fragen zur Tour zu stellen. 

Ein langer Weg aus Betonplatten zieht sich durch eine Schneise im Wald
Die Betonlochplatten des Kolonnenwegs am Grünen Band

Unweit von Hof stehen wir nun also am Dreiländereck, wo das Grüne Band in Deutschland, ein 1.400 km langer Streifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, und gleichzeitig unsere Bikerafting-Tour beginnt. Weit entfernt von großen Straßen starten wir in der untergehenden Sonne durch Wiesen und Wälder und es dauert nicht lang, bis wir die erste Ausschilderung des ehemaligen Kolonnenweges finden. Die alten Betonlochplatten laden nun nicht gerade zum Radfahren ein, aber wir suchen ja schließlich ein authentisches Erlebnis am Grünen Band, also holpern wir noch eine Weile durch die Dämmerung und beenden dann den mittlerweile echt langen Tag. 

Zurück auf dem Kolonnenweg merken wir am nächsten Tag schnell, dass wir auf den Betonlochplatten kaum schneller als zu Fuß unterwegs sind. Dazu kommen noch die steilen Anstiege, die sich urplötzlich vor uns auftun und teilweise dazu zwingen, gemeinsam die bepackten Fahrräder hochzuschieben. Den ursprünglichen Plan, heute noch mit unseren Booten in die Saale einzusetzen, verwerfen wir damit.

Wildnis an der Sächsischen Saale 

Ich bin vorfreudig, denn zum ersten Mal blasen wir heute an Tag drei der Tour unsere neuen Packrafts an der Sächsischen Saale auf, die bisher eingerollt und kaum merklich an unseren Fahrradlenkern hingen. Ein guter Zeitpunkt eine Frage zu beantworten, die uns auf unserer Reise immer wieder gestellt wurde: „Was macht ihr denn mit euren Fahrrädern, wenn ihr paddelt?“ „Na, die kommen oben drauf!“, lautete stets meine simple Antwort, bei der wir jedes Mal in völlig verdutzte Gesichter schauten. Ein Chaos an Gepäck liegt nun vor uns und es vergeht einige Zeit, bis wir endlich alles sinnvoll verstaut haben. Beim Einsetzen in die Saale merken wir bereits, dass das Umtragen der Boote zum Kraftakt werden könnte. Aber in dem Moment, als wir uns in die sanfte Strömung des Flusses begeben, zum ersten Mal die Paddel ins Wasser stechen und die Fahrräder vor uns sehen, ist da nur ein breites Grinsen in meinem Gesicht zu sehen und alle Sorgen sind vergessen – vorerst zumindest. 

Zwei Personen tragen Packrafts zum Wasser
Auf gehts! Jetzt paddeln auf der Saale

„Oh je, ein Stein.“, registriert mein Hintern. Auch neben mir höre ich ein schabendes Geräusch begleitet von einem überraschten Gesichtsausdruck. Mit mäßigem Erfolg versuchen wir so gut es geht den Hindernissen im Flussbett auszuweichen. Die ersten sanften Stromschnellen verleihen unserer Tour direkt mehr Abenteuercharakter als ich erwartet hatte. Die leichte Strömung treibt uns an unerwartet schönen Berglandschaft vorbei, wir frühstücken an verlassenen, mit bunten Blumen zugewachsenen Mühlen und stoßen auf erste Hindernisse: Wehre. Die meisten davon sind glücklicherweise so gebaut, dass wir unsere Boote mit etwas Geschick einfach herunterschieben können. Es ist unglaublich ruhig auf der Sächsischen Saale. Manche Abschnitte wirken so einsam und unberührt, dass wir das Gefühl bekommen, in der Wildnis unterwegs zu sein. Als Sophies Boot am frühen Abend dann mehr und mehr einer Badewanne gleicht, wissen wir allerdings auch, warum wir hier nur wenige Paddler antreffen. 

Auf und Ab im Thüringer Wald 

Unsere geräumigen Boote hängen nun drei Tage später mit erstaunlich kleinem Packmaß und einem Flicken wieder am Lenker und dürfen sich von den Strapazen der Saale erholen. Die Beine hingegen müssen jetzt zeigen, was in ihnen steckt, denn der Rennsteigradweg steht uns bevor. Der vermeintlich ebene Höhenzug des Thüringer Waldes ist hügeliger als gedacht und wir schaffen kaum mehr als 40 km am Tag. Steile Anstiege auf grobem Schotter bringen uns ordentlich ins Schwitzen und manchmal ist selbst der kleinste Gang überfordert. Der Thüringer Wald bringt uns aber auch eine wohltuende Ruhe. Das Rauschen des Windes in den nicht endenden Fichtenwäldern ist tagelang oft das Einzige, was wir hören. 

Ausblick blühende Wiesen und Hügelketten am Horizont
Wunderschönes Panorama an der Wasserkuppe

Am letzten Tag auf dem Rennsteig wird es regnerisch und die Temperaturen einstellig. Wir verweilen nur kurz auf dem nebelverhangenen Großen Beerberg, dem höchsten Gipfel des Thüringer Waldes, und fahren lieber schnell ins Tal hinab, um bereits am nächsten Tag wieder bergan zu fahren. 

Abstecher auf die Wasserkuppe 

Es ist ein ruhiger, sonniger Tag und die Landschaft der Rhön zeigt sich uns in einem herrlichen Grün. Wiesen, Wälder und Rinder säumen unseren Weg. Dann passiert uns leider etwas, das uns irgendwie häufiger passiert. Wir finden das touristische Highlight der Region – in diesem Fall die Wasserkuppe – nicht. Die Ausschilderung und ein hilfsbereiter Spaziergänger sind sich uneinig und so fahren wir versehentlich wieder ins Tal hinab. Zumindest ich, denn Sophie ist skeptisch und schaut vor der weiteren Abfahrt lieber nochmal auf die Karte. Der von Google vorgeschlagene Weg ist allerdings ein zugewachsener Wanderweg und definitiv nicht für unsere Fahrräder geeignet. Also folgen wir diesmal der Radwegausschilderung und nun fahren wir auf der anderen Seite schon wieder bergab. Das fühlt sich wirklich mehr als falsch an, wenn man doch eigentlich hoch auf den Gipfel möchte. Zwei weitere Haarnadelkurven später kommt dann endlich das ersehnte Schild und von hieran geht es wieder steil bergan – auf grobem Schotter natürlich. Für den Ausblick von oben, das Gefühl, es mit eigener Muskelkraft hier hoch geschafft zu haben und nicht zuletzt die rasante Abfahrt in der untergehenden Sonne hat sich die Anstrengung allerdings mehr als gelohnt. In der einsetzenden Dämmerung rollen wir immer weiter das Ulstertal hinab, der Werra entgegen. 

→ Filmtipp: Zum Bikerafting-Abenteuer am Grünen Band gibt es auch einen Dokumentarfilm von Jens Breuer zur Leihe oder zum Kauf auf Prime Video!

Ständiger Wechsel an der Werra 

Hier an der Werra kommt uns die Flexibilität, die das Bikerafting mit sich bringt, sehr entgegen. Den Werratal-Radweg nehmen wir, um Strecke zu machen und weniger spannende Abschnitte schnell zu überbrücken. Die Sahnestücke hingegen paddeln wir. Unerwarteterweise finden wir an der Werra auch immer wieder Abschnitte mit sanften Stromschnellen und mein Grinsen ist zurück. Der Wasserstand ist zwar auch hier niedrig, aber diesmal beschränken sich die Grundberührungen zum Glück auf ein Minimum. 

Ein Fluss mit Bäumen links und rechts am Ufer und Felsen in Flussrichtung voraus
Die Ebenauer Köpfe, Muschelkalkfelsen an der Werra

Die Ebenauer Köpfe in der Nähe von Amt Creuzburg sind für uns ein großes Paddelhighlight auf der Werra. Steilaufregende Muschelkalkfelsen säumen die tief im Tal mäandernde Werra und wir finden uns abermals in einer beeindruckenden Natur wieder. Neben den zahlreichen Tieren treffen wir aber leider auch immer wieder auf Wehre, die wir umtragen müssen. Das wird jedes Mal zum Kraftakt, denn der Gewichtsvorteil eines Packrafts wird mit einem Fahrrad darauf leider hinfällig. 

Alle guten Gipfel sind drei 

Wir sitzen im Zug. Nein, es ist noch nicht der Zug nach Hause, denn das große Finale steht uns noch bevor: die Überquerung des Harzes. Da uns die Zeit fehlt, bis an den Fuß des Gebirges zu radeln, lassen wir uns von der Bahn nach Ellrich bringen. Kurze Zeit später sitzen wir wieder im Sattel, sanfte Anstiege gehen über in steile und wir sind froh, als wir am frühen Abend den Campingplatz erreichen. Am nächsten Tag soll es dann bereits hoch auf den Brocken gehen, der letzte und zugleich höchste Gipfel unserer Tour. 

Zwei Radfahrende radeln an einem Grenzturm vorbei
Ein Grenzturm aus der Zeit der deutschen Teilung

Die Sonne strahlt bereits schon fröhlich vom Himmel, als wir in Hohegeiß wieder auf den Kolonnenweg treffen. Ein letztes Mal holpern wir also über die alten Betonlochplatten und scheitern an viel zu steilen Anstiegen. Als wir am Außengelände vom Grenzmuseum Sorge vorbeikommen, erwartet uns zu unserem Erstaunen eine offene Pforte am ehemaligen Grenzturm. Es eröffnet sich eine tolle Aussicht von hier oben, aber die Vorstellung, wozu der Turm einst diente, bedrückt mich.

Da es schon früher Nachmittag ist und wir den Brocken noch aus weiter Ferne sehen, beschließen wir den Kolonnenweg zu verlassen und die lärmende Straße zu nutzen. Ab Braunlage kehrt zum Glück die Ruhe zurück, als wir den Anstieg durch das Tal der Warmen Bode in Angriff nehmen. Der Brocken kommt nun immer näher, der Anstieg wird steiler, dann flacher, dann nochmals steiler, unsere Atemfrequenz erreicht auf den letzten Metern ihren Höhepunkt und dann stehen wir endlich oben – was für ein Moment. Die Packrafts müssen natürlich mit auf das Gipfelbild – aufgeblasen versteht sich. Als weit unten im Tal allmählich die Lichter angehen denke ich daran zurück, wie oft ich auf dieser Reise ein Grinsen im Gesicht hatte, wie sehr mich die Natur in Deutschland wieder einmal aufs Neue begeistert hat und wie viel Spaß ich gemeinsam mit Sophie beim Paddeln und Fahrradfahren hatte. 

Mit diesem letzten Gipfelerfolg klingt die Geschichte rund, aber unsere Boote hier nur in die Luft zu recken, reicht uns nicht. Wir rollen also gemütlich bergab, Paddeln ein letztes Mal mit Packraft und dem Fahrrad obendrauf in Ermangelung eines geeigneten Flusses über den Okerstausee und steigen in den Zug, der uns nun aber wirklich nach Hause bringt.  

Ein Fluss im Abendlicht mit dem Mond am Himmel
Abendstimmung an der Sächsischen Saale