Das Stahlseil ist eiskalt, die Felsen tragen eine weiße Haube und unter den Füßen knirscht der Schnee. Wer im Winter einen Klettersteig begeht, erlebt die Berge aus einer ungewohnten Perspektive. Statt sommerlicher Wärme warten frostige Temperaturen, verschneite Grate und mit etwas Glück eine fantastische Fernsicht über die Winterlandschaft.

Was macht Winterklettersteige besonders?

Das Grundprinzip bleibt gleich: Drahtseile, Leitern und Trittbügel helfen beim Aufstieg. Doch die Bedingungen verändern sich erheblich. Schnee verdeckt Tritte, Eis macht Felsen rutschig und dicke Handschuhe erschweren das Handling der Karabiner. Selbst vermeintlich leichte Passagen können dadurch anspruchsvoll werden. Entscheidend ist deshalb die Wahl der Route. Nicht jeder Klettersteig darf oder sollte im Winter begangen werden. Viele Anlagen sind gesperrt oder unter Schnee verborgen. Speziell für den Winter konzipierte Steige bieten dagegen die Möglichkeit, das Klettersteiggehen auch in der kalten Jahreszeit zu erleben.

Kletterer in Felshang im Schnee
Durch Schnee und Eis am Felsen entlang klettern, ist ein besonderes Erlebnis.
© Phillip Geisler, Photoart

Gut ausgerüstet ins Winterabenteuer

Neben der üblichen Klettersteigausrüstung erfordert eine Wintertour zusätzlichen Schutz vor Kälte und Nässe. Besonders wichtig sind geeignete Schuhe, die auf Schnee und vereistem Untergrund ausreichend Halt bieten. So gibt es zum Beispiel auch Skischuhe mit besonders rutschfesten Sohlen (oft auch Schuhe zum Skitourengehen).

Das gehört zur Ausrüstung

•    Sicherheit: Kletterhelm, Klettergurt und normgerechtes Klettersteigset mit Falldämpfer
•    Bekleidung: Warme, atmungsaktive Schichten, winddichte Jacke und Ersatzhandschuhe
•    Schuhe: Geeignete Winterbergschuhe; aber auch Grödel oder Steigeisen je nach Gelände und Verhältnissen
•    Notfall: Erste-Hilfe-Set, Rettungsdecke, geladenes Smartphone und Stirnlampe

Wichtig: Die erforderliche Ausrüstung hängt von der jeweiligen Route ab. Manche Winterklettersteige werden mit Ski erreicht, andere verlangen ausdrücklich Winterbergschuhe. 

Sicherheit geht vor Gipfelglück

Ein sonniger Wintertag garantiert noch lange keine sicheren Bedingungen. Gerade an schattigen Felswänden können Eis und Schnee hartnäckig bleiben. Hinzu kommen kurze Tage, wechselhaftes Wetter und mögliche Lawinengefahr. Deshalb gilt: Vor jeder Tour Wetterbericht, Lawinenlage, Schneeverhältnisse und den aktuellen Betriebsstatus prüfen. Auch Zu- und Abstieg müssen sorgfältig geplant werden.

Am Drahtseil ist volle Konzentration gefragt. Beim Umhängen bleibt stets mindestens ein Karabiner eingehängt. Zwischen zwei Verankerungen sollte sich nur eine Person befinden. Und wenn die Bedingungen nicht passen? Lieber umkehren, als unnötige Risiken eingehen. Der Winter ist harscher als der Sommer und verzeiht weniger Fehler.

 

Vier Winterklettersteig-Erlebnisse in Tirol

1. Pfaffenbichl – Hochfügen im Zillertal

Ein Klettersteig mitten im Skigebiet: Am 2.431 Meter hohen Pfaffenbichl wartet ein rund 260 Meter langer Winterklettersteig mit Trittbügeln, Drahtseilen und einer 28 Meter langen Seilbrücke.

Kletterer an einem hohen Felspunkt mit Drahtseilen als Halterungen
Autor Jarle Sänger auf dem Pfaffenbichl Klettersteig © Phillip Geisler, Photoart

Mit maximaler Schwierigkeit B laut Betreiber eignet sich die Route für sportliche Klettersteiggeher mit entsprechender Wintererfahrung. Der Einstieg liegt unmittelbar an der Bergstation der Waidoffenbahn. Abgestiegen wird über den markierten Wintersteig.

Alle Infos zum Winterklettersteig Pfaffenbichl

2. Winterklettersteig Hochzillertal

Auch im Hochzillertal lässt sich Klettern mit einem Skitag verbinden. Rund um den Wimbach Express gibt es winterliche Kletterpassagen in unterschiedlichen Schwierigkeitsbereichen. Besonders reizvoll ist der südseitige Winterklettersteig in hochalpiner Umgebung.

Die Bergbahnen empfehlen ausdrücklich stabile Winterbergschuhe statt Skischuhen. Je nach Bedingungen können Grödel hilfreich sein.

Winterklettersteige im Hochzillertal entdecken

3. Wimbachkopf – hochalpines Gratabenteuer

Wer mehr alpine Herausforderung sucht, findet im Hochzillertal auch den Winter-Alpinsteig zum 2.442 Meter hohen Wimbachkopf. Die durchgehend versicherte Gratroute erstreckt sich über rund 1,5 Kilometer und überwindet etwa 420 Höhenmeter.

Kein klassischer kurzer Klettersteig, sondern eine ernst zu nehmende alpine Winterunternehmung mit großartigen Ausblicken.

Tourenbeschreibung Wimbachkopf

4. Arlberger Winterklettersteig – St. Anton

Ein echter Klassiker für erfahrene Alpinisten: Der rund 850 Meter lange Arlberger Winterklettersteig führt von der Riffelscharte über einen ausgesetzten Grat in hochalpinem Gelände.

Besondere Herausforderung: Nach dem Klettern folgt eine Skiabfahrt durch ungesichertes Gelände. Lawinenkenntnisse, sichere Skitechnik und alpine Erfahrung sind hier unverzichtbar. Die Begehung wird vor allem im Frühjahr empfohlen.

Informationen zum Arlberger Winterklettersteig


Fünf Fragen vor dem Einstieg

1.    Ist der Klettersteig aktuell geöffnet und ausdrücklich für Winterbegehungen geeignet?
2.    Wie sind Wetter, Schneeverhältnisse und Lawinenlage?
3.    Sind Drahtseile, Tritte und Verankerungen frei und intakt?
4.    Beherrsche ich die Sicherungstechnik auch mit kalten Händen?
5.    Ist der Abstieg sicher machbar und bleibt genügend Tageslicht?

Unser Tipp: Wer erstmals im Winter am Drahtseil unterwegs ist, sollte eine geführte Tour mit einem qualifizierten Bergführer wählen.

Fazit: Ein besonderes Erlebnis mit Respekt vor dem Winter

Winterklettersteige verbinden die Faszination des Kletterns mit der Magie verschneiter Berglandschaften. Sie ermöglichen neue Perspektiven und abwechslungsreiche Abenteuer abseits des klassischen Skitags. Doch eines sollte immer im Vordergrund stehen: Sicherheit. Wer seine Fähigkeiten realistisch einschätzt, die passende Ausrüstung mitbringt und die Verhältnisse sorgfältig prüft, kann den Winter am Felsen von seiner schönsten Seite kennenlernen.
 

von Jarle Sänger