von Jarle Sänger
erschienen in der OutdoorWelten Winterausgabe 2023/2024

Mein Leben ist draußen

Bulletproof: Entschlossen und zu (fast) allem bereit, Otto der Abenteurer

Kein Wunder, dass der Content seines YouTube-Kanals fast immer draußen stattfindet. Ob er sich 50 km auf einer geraden Linie – komme in den Weg, was wolle – durch den Harz kämpft. Ob er sich im Rahmen einer Challenge 24 Stunden lang durch die Landschaft jagen lässt, dreißig Tage durch die Wildnis in Kanada kämpft oder einfach nur eine Nacht im Freien in einem provisorischen Shelter verbringt. Bushcraft, Survival, Natur, Challenges – Otto treibt es nach Draußen und Hunderttausende schauen dabei zu. „Mein Leben ist draußen“, sagt Bulletproof, dessen Werdegang ebenda begann.

Aufgewachsen ist der Tausendsassa nämlich größtenteils im Wildenburger Land dem elterlichen Hof mit eigener Quelle und kleinen Teichen abseits der großen Städte. Hier hat er von klein auf Brennholz gemacht, hat Pflanzen gesetzt und gepflegt und seine ersten Erfahrungen als Imker mit einem ihm anvertrauten Bienenvolk gemacht, mit Hilfe dessen er schon als Kind eigenen Honig herstellte. Umgeben von allerlei Tieren schien sein Leben in Liebe zur Natur vorgezeichnet gewesen zu sein. So träumte er schon damals davon, Tierschützer in Afrika zu werden. Ein Traum, dem er sich zukünftig dank seines YouTube-Erfolges verspätet, aber endlich widmen möchte. Nicht hauptberuflich, doch mit Hilfe mit von einzelnen Projekten und Spendenaktionen plant der Rheinländer, etwas zurückzugeben und den Erfolg seines Kanals somit für gute Zwecke, auch hierzulande, zu nutzen.

Otto, der sich nach seiner Ausbildung zum Fischwirt für zwölf Jahre als Zeitsoldat in den Dienst der Bundeswehr stellte, hat während unseres Gesprächs immer wieder ein Lächeln parat und ist gesegnet mit einem sonnigen Blick auf das Leben, der fast bei jedem unserer Themen mitschwingt. Obwohl er während seines Einsatzes in Afghanistan auch Dinge erlebt hat, die nicht leicht wegzustecken sind. Einer seiner besten Freunde liegt auf einem Kölner Friedhof, er wurde Opfer eines Sprengstoffanschlages während des Einsatzes. 

Doch auch aus seiner Zeit im Mittleren Osten weiß er, Positives zu ziehen: Beispielsweise die Dankbarkeit über den Wohlstand in Deutschland, den wir hier genießen. „Wo wir alles haben, was wir brauchen“, sagt er. Wie ich Otto so zuhöre, drängt sich immer wieder ein Gedanke auf: So richtig passt das Bild des harten Militärs nicht zu Otto, diesem empathischen, naturverbundenen und freundlichen Mann. Und so räumt er schnell auf mit den Vorurteilen und der in seinen Augen oftmals falschen Außendarstellung der Bundeswehr. Da seien genauso normale, empathische und nette Leute, unterstreicht er und erzählt, dass das Gerade-rücken dieses Zerrbildes ein bisschen zu seiner Botschaft gehöre.

Private Leidenschaft wird zum Beruf 

 Bushcraft, Survival, Natur, Challenges - Otto teilt seine Abenteuer mit seinen Followern

Die Idee, eigenen Content auf YouTube hochzuladen, kam von einem Freund. Denn schon bevor Otto regelmäßig für seine Zuschauer vor der Kamera stand, bereiste er die Welt, um allerlei Abenteuer zu erleben. Darunter beispielsweise die Besteigung des 5.610 m hohen Damavand, dem höchsten Berg des Irans. Auch durch den Dschungel in Venezuela und den brasilianischen Regenwald schlug er sich. „Lad doch mal was hoch“, lautete die Aufforderung, der er anfangs noch skeptisch gegenüberstand. Ob er interessant für die Leute sei? Doch dann traute er sich zunächst mit Videos über Persönlichkeitsentwicklung auf die Bühne der weltgrößten Videoplattform.

„Dann habe ich einfach losgelegt“, beschreibt Otto den Startschuss nüchtern, dem gerade einmal eineinhalb Jahre später und dem Wechsel zum heutigen, überwiegend outdoorbezogenen Content ein kometenhafter Aufstieg von 0 auf 500.000 Abonnenten folgte. Auch seine Teilnahme bei der zweiten Staffel von 7 vs. Wild, ebenfalls ein erfolgreiches Survivalformat auf YouTube, trug zum Wachstum bei. Was als private Leidenschaft begann, ist zum Beruf geworden. Otto schwärmt davon, dass er seine Familie mittlerweile „mit dem, was er liebt“ ernähren kann. Über die „geniale Mischung“, ständig neue Orte auf der Erde kennenlernen, Zeit mit Freunden da draußen verbringen, Ideen verwirklichen und die Natur genießen zu können. „Ohne Ende Freiheit“, so lautet das begeisterte Urteil über sein Tun, bei dem er voll und ganz auf die Unterstützung seiner Familie zählen kann.

Geheimnis des Erfolgs

Draußen zu Hause:
Wie der Vater, so der Sohn

Das Geheimnis seines Erfolgs? So richtig findet der bescheidene Otto keine Antwort darauf. „Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus meiner ruhigen Art und den spannenden Themen und Formaten“, fasst er letztlich bodenständig zusammen. Ich glaube, es ist die authentische Art von Otto. Denn er verstellt sich nicht, ist hier unter vier Augen im Wald vor seiner Haustür der gleiche Otto, der sich vor hunderttausenden Zuschauern durch die eisige Polarzone kämpft. Besonders freut es ihn, dass unter seinen Anhängern viele junge Leute sind, denen er durch seinen Content die Leidenschaft zum Draußensein vermitteln, deren Motivation er wecken und denen er zeigen kann, dass es nicht nur die Spielekonsole gibt. Wieder so eine Botschaft, so eine Mission, die Otto antreibt. Da versteht es sich von selbst, dass er auch regelmäßig zusammen mit seinem outdoorbegeisterten Sohn zum Bushcraften in die Natur zieht. Egal, ob vor der Haustür oder europaweit. Besonders gern und mit großem Stolz auf seinen Nachwuchs blickt Otto zurück auf den Vater- Sohn-Trip in die finnische Polarregion.

Survival in der Polarregion

Polarregion? Für den Outdoorprofi heißt das vor allem, immer in Bewegung sein zu müssen in einer tödlichen Klimazone. Dazu sinniert er über die spannende Tierwelt, die Landschaft und nicht zuletzt über die Einsamkeit, „das nimmt einen mit Vollgas aus dem Alltag raus.“ Der Arctic Warrior, ein YouTube-Format und Ottos erstes Mammutprojekt, dessen Auftakt im April dieses Jahres auf seinem Kanal ausgestrahlt wurde, sollte dieser Liebe Rechnung tragen. Wieder ging es nach Finnland. In der arktischen Zone abgedreht, entstanden zwölf, etwa einstündige Folgen, in denen sich acht Zweierteams fünf Tage und fünf Nächte mit professioneller Ausrüstung dem bis zu -30 Grad kalten Winter Lapplands im Freien stellen mussten. Jedes Team bestand aus einem Survival-Profi, viele mit militärischem Background, und einem mehr oder weniger bekannten Amateur, zum Beispiel bekannten YouTubern, einem ehemaligen, paralympischen Ski- Rennfahrer oder Musiker einer legendären Rockband.

Natürlich hat Otto sich nicht nehmen lassen, selbst die Profirolle eines der Teams zu übernehmen, auch wenn es ihm nicht primär um den Sieg bei seiner eigenen Show ginge, betont er. Außerdem wurden zwei Spots von über 1.000 Mitgliedern aus seiner Community besetzt, welche sich zuvor per Video bei ihm beworben hatten. Rund 40 Personen waren hinter den Kulissen des Arctic Warrior mit der Planung, der Ausrüstungsbeschaffung, der Organisation, dem Schnitt, den Grafiken, der Vertonung, dem Recruiting und vielem mehr beschäftigt. Für Otto war es das erste Mal, dass er ein großes, finanzielles Risiko einging. Was, wenn das Wetter schlecht ist? Was, wenn niemand zuschaut? Die Zweifel und Risiken waren groß. Doch Otto hat durchgezogen, so wie er es immer macht. Rückblickend schaut er zufrieden auf das Projekt zurück.

Abenteuer, die die Akkus laden

Dreamteam: Einer lehrt die großen Skills, der Andere die Begeisterung für kleinste Dinge

Ob Eis, Dschungel oder Wüste. Otto hat schon viel gesehen, und doch gibt es Ziele, die er noch unbedingt ansteuern möchte, „da ist noch einiges auf der Liste.“ Südamerika wolle er noch mehr entdecken und auch Neuseeland reize ihn, jetzt im Herbst ging es jüngst nach Island. Woher der Tatendrang und die Lust, die Welt zu erforschen kommt? „Unsere Zeit ist endlich“, lässt Otto verlauten, während die Vögel über uns aus den Baumkronen zwitschern und wir es uns auf einer schattigen Bank gemütlich gemacht haben. „Solange ich all das noch tun kann, will ich das nutzen“, fügt er entschlossen hinzu. Es sei das Draußensein, was ihn antreibt. Die Abenteuer, die seine Akkus laden. Der Ursprung seiner Power, die er gleichermaßen in jeder Minute seiner Videos wie auch unseres Spaziergangs ausstrahlt. „Natürlich biste platt wie’n Pfannkuchen, hast etliche Kilos verloren, aber danach freust du dich über die Dusche, über gutes Essen – das ist einfach einmalig.“ Dazu komme das Wissen über die wundersame Leistungsfähigkeit des Körpers, die Dankbarkeit darüber, so etwas überhaupt erleben zu dürfen und die intensiven Erfahrungen in und mit der Natur machen zu können. Egal, wie anstrengend eine Challenge sei, egal, wie fertig ihn ein Abenteuer mache, all das lade immer mehr Energie auf als es entleere. Draußen zu Hause. 

Die Zukunft lässt auf mehr von OttoBulletproof und seinen Challenges und Abenteuern hoffen. Arctic Warrior 2? „Denkbar“, sagt Otto, doch zunächst stünden neben kleinen Projekten vor allem Desert Warrior und Jungle Warrior als große Formate zur Planung an. „Und wer weiß, vielleicht gibt es danach irgendeine andere, wilde Idee.“ Ja, Otto und seine wilden Ideen, wir Zuschauer:innen dürfen wahrlich gespannt sein. Nur eines werden wir wohl nie sehen können. Denn auf die Frage, ob es irgendetwas gäbe, was der Angler, Jäger, Taucher, Fischwirt, Kletterer, Naturschützer, Abenteurer, Bushcrafter, YouTuber, Kaufmann, Soldat, Vater und Imker nicht machen würde, lacht Otto und antwortet daraufhin deutlich: „Golf spielen.“