Noch im ersten „Briefe aus Berlin“ streichelt Heine, noch Harry Heine und doch auch schon Heinrich, die zarten Saiten der deutsch-romantischen Lyra. Dabei gab es den derart umschmeichelnden Wald ausgangs des 18. Jh. und zu Beginn des 19. Jh. nicht mehr wirklich. Der war dem boomenden Schiffs- und Bergbau, der Nachfrage nach Heizenergie erlegen und von abertausenden von Schweinen und Kühen durch jahrhundertelange Waldbeweidung jeden Krümels Humus beraubt. Schlichtweg, zum Loblied rauschender Wälder gab es in dieser Zeit kaum Gelegenheit. Dennoch – der Mythos Wald hat sich tief in die Gene der Menschen eingenistet.

Mythos Wald
Dass wir Deutschen eine ganz besondere Beziehung zum Wald haben, ist unbestreitbar. Strittig ist vielmehr, worauf sich diese tiefgreifende Sehnsucht, diese Überhöhung des Waldes als Mythenort gründet. Anteil am Mythos hatten sicher die Romantiker am Ende des 18. Jh. und der ersten Hälfte des 19. Jh. Zwar mag man sich wundern, wo denn den malenden, dichtenden und reisenden Romanti- ker der „deutsche“ Wald als Vorlage und Anschauungsobjekt hätte dienen können. Doch vermutlich hatte die „Erfindung“ der nachhaltigen Forstwirtschaft, veröffentlicht in der Schrift Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht des kursächsischen Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz anno 1713, schon in den deutschen Bergbau-, Verhüttungs-, Salzgewinnungs- und Glasherstellungsregionen zur massiven und kontrollierten Wiederaufforstung geführt. Reste alter Eichenhutewälder, wirtschaftlich schwer oder gar nicht nutzbarer Schluchten-, Berg- und Auenwälder
gab es ja immerhin auch noch hier und da. Die Brüder Grimm sahen den tiefen Wald in entlegenen Gegenden als wahren Hort der Märchen und Sagen. Heinrich Heine schrieb geradezu schwärmerisch vom Sieg über die römischen Legionen des Varus in den Wäldern Germaniens. Eichendorff mutmaßte in den rauschenden Wäldern den Hallraum der Seele. Caspar David Friedrich stilisierte Baumveteranen und Hutewaldüberbleibsel zu emotionalen Stellvertretern des Waldes. Schließlich erklärte die deutsche Nationalbewegung während der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gegen das napoleonische Frankreich „...den Wald im historischen Bezug auf die mythische Hermannsschlacht im Teutoburger Wald zu einem Symbol der nationalen Identität.“

Ökosystem Wald
Für den P anzenökologen und Professor der Biologie an der Universität Hannover, Hansjörg Köster, ist Natur im Grunde ein Prozess. Werden, wachsen und vergehen, das sei Natur. Dass dabei den Pflanzen, vor den Tieren, eine besondere Rolle zukomme, sei schlicht und ergreifend der Tatsache geschuldet, dass sie dank der Fotosynthese erst die Nahrungsgrundlagen für tierische Bewohner schaffen würden. Das sieht auch Peter Wohlleben aus dem kleinen Eifeldörfchen Hümmel an der Grenze von Rheinland-Pfalz zu Nordrhein-Westfalen so. Der Sachbuch- Bestsellerautor (Spiegel) hat mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ offensichtlich die Herzen der Deutschen erreicht. Sein Verdienst ist es, den Baum als „beseeltes“ Wesen und den Wald und seine Lebewesen als gewaltiges und fein austariertes Ökosystem beschrieben zu haben. Aller Anfang sei das Licht und damit die nicht endende wollende Automatik der Fotosynthese. Während Nadelbäume allzeit bei hinreichendem Licht mit dem nötigen Wasser und Kohlendioxyd aus der Luft Fotosynthese betreiben können, gelingt dies den Laubbäumen natürlich nur im belaubten Zustand. Durch eine raffinierte unterirdische Kooperation der Wurzeln mit Pilzen gelangen benötigte Mineralien in den Baum, wo aus der produzierten Glukose, Sauerstoff und Mine- ralien alle Zellbaustoffe gebildet werden können. Pilze sind so etwas wie das unsichtbare Worldwide Web des Waldes. Alles im Ökosystem Wald steht mit allem in Beziehung, so sieht es auch Erwin Thoma (Die geheime Sprache der Bäume), „pro Kubikzentimeter Erdreich, das ist zirka ein Teelöffel voll, leben ungefähr eine Million Bakterien – und zehn Mal so viele Viren.“ Ein Drittel der Glukoseproduktion, so haben Biologen errechnet, gibt ein Baum an die eißigen, unsichtbaren Helfer unter der Erde für ihre Dienste ab. In jedem Totholzbaum leben abertausende Insekten, Milben, Käfer und Bakterien. Der Zersetzungsprozeß reichert den Waldboden mit wertvollem Humus an und bindet zugleich Kohlendioxyd. Bäume korrespondieren mit ihren Artgenossen über elektrische Signale des Wurzelwerks, über Botenstoffe und sind sogar in der Lage, beim Auftreten von Fressfeinden Alarm zu schlagen und wiederum deren Fressfeinde anzulocken. Der Wald als Paradebeispiel für Natur.

Der Mensch – ein Element im Kosmos
Der Mensch ist Teil der Natur und dem Prozess des Werdens, Wachsens und Vergehens ebenso unterworfen wie alle anderen Elemente auch. Clemens Arvay, Diplom-Biologe und Autor aus Wien ist der festen Überzeugung, dass unser ästhetisches Empfinden im Wechselspiel mit der Natur entstanden sein muss. „Vermutlich hätten die Bewohner des erdähnlichen Mondes Pandora aus dem Kino lm Avatar an einer blauen Waldlichtung mehr Aussichten auf Entspannung..., weil die Evolution ihrer Spezies in einem anderen Lebensraum stattgefunden hat...“ Wenn es nach ihm geht, so be nden wir uns beim Gang durch und in der Natur in einem Lebensraum, der evolutionär passgenau zu unserer Spezies gehört. In seinem Sachbuch „Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald“ kommt er zu dem Schluss, es sei doch kein Wunder, wenn sich das menschliche Stammhirn (Reptilienhirn) mit dem limbischen System als Biophilia- Schaltzentrale bzw. als Herzstück unserer Verbindung mit der Natur behaupte. „Der Homo sapiens hat sich über Jahrmillionen nicht etwa in Betonschluchten und dicht bebauten Städten entwickelt, sondern in seinen natürlichen Lebensräumen, die von Pflanzen, Tieren, Ber- gen, (Wäldern), Seen, Flüssen, Hügeln und Graslandschaften dominiert waren.“ Dr. Rainer Brämer, der Altmeister der Wandersoziologie und Gründer des Deutschen Wanderinstituts wurde denn auch nie müde, die Gründe unserer Vorlieben für Wiesen-, Wald- und Bachränder, für lichte Wälder, aussichtsreiche Punkte und erhabene Baumveteranen in der menschlichen Evolutionsgeschichte zu suchen. Auf der Suche nach Schutz und Nahrung hätten sich unauslöschliche DNS-Spuren aus der ostafrikanischen Savanne in un- seren Genen erhalten. Ist es daher ein Wunder, dass Wälder zu allen Zeiten den Menschen faszinierten? Von Robin Hood bis Schinderhannes von Hölzerlips bis Karasek oder Stülpner, ein echter Räuberhauptmann von Schrot und Korn lebte im tiefen Wald. Unsere Augen gleiten staunend und ehrfürchtig an den stempelar- tigen „Füßen“ einer 50 Meter hohen Buche entlang in die mächtige Krone hinauf und empfinden die gleiche Ehrfurcht, die uns Goethes „Stille Meister“, die Berge, verschaffen.

Das Bad im Walde
Keine Frage, Wald wirkt auf den Menschen. Mag es vielleicht nicht die „Kommunikation“ mit Gebärden und Sprache sein, wie wir sie gewohnt sind, doch der Mensch interagiert mit dem Ökosystem Wald auf vielfältige Weise. Bioaktive Substanzen gelangen über die Luft beim einatmen und über die Haut beim Gang durch den Wald in den Körper. Unsere Sinnesorgane nehmen die waldtypischen Geräusche wahr, das Auge erfasst das mystische Schattenreich eines Laubwaldes in der Vegetationszeit, wo im Schnitt gerade einmal 3% der Lichtmenge über dem Blättermeer auf den Waldboden dringt. Das Ökosystem interagiert mit unserem Immunsystem und, so haben es südkoreanische und japanische Wissenschaftler naturwissenschaftlich erfasst, fördern die Produktion der segensreichen Killerzellen. Das sind jene körpereigenen Abwehrzellen, die ständig auf der Suche nach Viren, Bakterien und entarteten Körperzellen noch den letzten Winkel des menschlichen Kör- pers durchforsten und die gefährlichen bzw. gefahrbringenden Angreifer und Eindringlinge bekämpfen. Manfred Baum, diplomierter Betriebs- und Forstwirtschaftler, Referatsleiter Forst-und Holz- marktpolitik im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Mecklenburg-Vorpommern, fasst die gesundheitsrelevanten Parameter des Waldes so zusammen: Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Lärm- und Reizreduktion, Staub lterung, Keimreduktion, Ionisation und elektromagnetische Absorbierung, ätherische Öle und Phytozide. Obwohl das Bundesland im Nordosten der Republik nicht gerade für seinen Waldreichtum bekannt ist (23,1% der Landes äche sind bewaldet) überrascht doch, dass hier, anfänglich mit fünf kommunalen Wäldern, erstmals die Gesundheitsfaktoren sogenannter Kur- und Heilwälder wissenschaftlich unter- sucht wurden. In Japan und Südkorea sind Waldluftbäder (Shinrin-yoku) inzwischen weit verbreitet. Clemens Arvay ist sich daher sicher: „Waldluft mit seinen bioaktiven Terpenen kann also ohne Über- treibung als ein Faktor in der Vorbeugung gegen Krebs betrachtet werden...“. Wel- che Auswirkungen und Ein üsse so ein Waldbad auf unser Unterbewusstsein hat, weshalb das Wohlfühlhormon Serotonin überreichlich ausgeschüttet wird, weshalb der Blutzuckerspiegel sinkt und die Nebennierenrinde verstärkt das Hormon DHEA (Herzschutz-Substanz) produziert – die Wissenschaft steht noch am Anfang. Egal, der Gang durch den Wald streichelt meine Seele. Er schweigt mich an und ist doch beredt, er klagt nicht an und urteilt dennoch. Versuchen Sie es!